Die LEADER-Region Westlausitz, die aus 12 Städten und Gemeinden besteht, hatte bereits in ihrem Integrierten Ländlichen Entwicklungskonzept (ILEK) aus dem Jahr 2007 die Entwicklung zur „Energieautarken Region Westlausitz“ als eines der Leitprojekte festgelegt. Mit dem Projekt verfolgte die Region das Ziel, rein rechnerisch genauso viel Energie regional zu erzeugen wie übers Jahr von der Region verbraucht wird (vorrangig in den Bereichen Wärme und Strom). Mit der Umsetzung des Leitprojektes sollte der Region zudem ein Image verliehen werden, mit dem sich die Einwohner identifizieren konnten und welches durch diese mit getragen wird.

Im Rahmen dieses Leitprojektes wurden in der Westlausitz zwei sächsische Pilotprojekte umgesetzt. 

Auch in der aktuellen LEADER-Entwicklungsstrategie für die Region spielt der Bereich der intelligenten und nachhaltigen Nutzung von Energie eine wichtige Rolle. So wird das kommunale Energiemanagement in den Städten und Gemeinden auch nach Projektende fortgesetzt.

Auf unserer Energie-Homepage informieren wir über den Prozess und Erfahrungen aus dem Projekt.

Energie-News

Wasserentsalzung mit Photovoltaik für Massai


Nicole Weinhold

Im Rahmen des EU-Entwicklungs- und Innovationsprojektes Revived Water hat die deutsche Solarfirma Phaesun gemeinsam mit neun weiteren europäischen Projektpartnern innovative Entsalzungsanlagen entwickelt, die auf Elektrodialyse-Technologie basieren. Die Bewohner des Maasai-Dorfs Ndedo in Tansania können seit Februar Dank der Pilotanlage 2.000 Liter Trinkwasser pro Tag aus ihrem versalzenen Brunnen nutzen.

Wartungsarme Technik

Die Entsalzungsanlagen sind Komplettsysteme, bei denen in einer Vorstufe das Wasser von Schmutzpartikeln, Bakterien und Viren befreit und in einer Nachbereitung mit selbst erzeugtem Chlor für die keimfreie Speicherung in einem Wassertank aufbereitet wird. Das Kernstück der Anlage basiert auf dem Membranverfahren der Elektrodialyse. Anders als bei herkömmlichen Entsalzungstechnologien, die auf Thermie oder Umkehrosmose basieren, ist die Elektrodialyse besonders wartungsarm und energieeffizient. Durch die Stromversorgung mit Solarenergie konnte ein komplett autarkes System entwickelt werden, welches keiner zusätzliche Infrastruktur oder Stromversorgung bedarf.

Keine Abfallstoffe, kein Diesel

„Es war wunderbar zu sehen, wie sich die moderne Technologie in die traditionellen Lebensweisen der Maasai einfügt“, so Florian Martini, Projektingenieur bei Phaesun, der die Installationen in Tansania durchgeführt hat. „Von großem Vorteil ist, dass im Gegensatz zu anderen Entsalzungstechnologien keine Abfallprodukte anfallen und auch kein Diesel zum Betrieb der Systeme notwendig ist." Das saubere Wasser werde sehr geschätzt.

Der Kontakt zu dem Maasai-Dorf kam über den Laubener Agraringenieur i.R. Eberhard Westhauser zustande. Er pflegt seit Jahren enge Kontakte zu den Maasais in der Steppe Tansanias und unterstützt mit der Mission Eine Welt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Projekte zur Wasserversorgung in dieser Region. „Wenn es genügend regnet, sorgen große Auffangbecken bis in die Trockenzeit für eine ausreichende Wasserversorgung für die Maasai und ihre Rinderherden", berichtet Westhauser. Das Grundwasser sei allerdings versalzen. Durch verlängerte Trockenperioden in den letzten Jahren mussten die Maasai immer öfter auf dieses versalzene Wasser zurückgreifen.

Vorbildlich gepflegte Anlage Dank eines Watchman

Bei der Anlage in Tansania handelt es sich um die siebte Anlage, die im Rahmen des Revived Water Projektes installiert wurde. Die vorherigen Pilotanlagen versorgen Schulen, Tempel und Privathaushalte in Ostafrika und Indien mit Trinkwasser. Bei der Anlage in der tansanischen Steppe wird zum ersten Mal eine kommunale Trinkwasserstelle bedient, bei der die Bewohner für das Wasser wie bei einem Wasserkiosk bezahlen und so ein lokaler Watchman für den Betrieb der Anlage bezahlt werden kann. Durch dieses Modell wird die Anlage vor Ort vorbildlich gepflegt und der Betrieb ist nachhaltig gesichert.

Phaesun verfolgt per Modem über ein Remote Monitoring und Control System die Performance der Anlage und kann Einstellungen am System ändern, etwa wenn der Salzgehalt des Grundwassers schwankt.

Das Revived Water Projekt läuft bis Mai 2020. Ab dann bietet Phaesun das Wasserentsalzungssystem in seinem Produktportfolio an.

Zweitbestes globales Zubaujahr der Windkraft


Tilman Weber

Dank einer wieder stärkeren Ausbauaktivität in vielen Ländern und Regionen der Welt fiel der Zuwachs nach den vergangenen drei globalen Krisenjahren der Windkraft 2019 um 19 Prozent höher aus als im Vorjahr. Das zeigt die neue Windenergiestatistik des Weltwindenergierats GWEC in Brüssel. Im Vergleichsjahr 2018 hatten die Windenergiefirmen nach zwei Abschwungjahren in Folge erneut noch einmal deutlich weniger als im Vorjahr installiert und mit Netzanschlüssen von nur 50,7 Gigawatt (GW) sogar noch knapp das 2014-er-Niveau von 51,7 GW untertroffen. Die 2019 hinzugebauten 60,4 GW bleiben allerdings noch um 5,3 Prozent unter den neuen Kapazitäten des bisherigen Rekordjahres 2015. Damals bilanzierte die Weltwindenergieorganisation 63,8 GW.

Dabei gründet das wieder stärkere Windjahr offenbar auf einer stabilen Basis mit mehreren Säulen des Erfolgs. So legten die Windenergiefirmen im Installationsgeschäft sowohl auf See wie an Land zu. So bedeutete das Wachstum der Offshore-Windkraft mit Neu-Netzanschlüssen von 6,1 GW nicht nur einen kräftigen Sprung um 72 Prozent nach oben sondern auch ein neues Rekordjahr. Doch auch im Onshore-Geschäft war das Wachstum bedeutend. Auf die nur noch 46,3 GW des Vorjahres folgten 2019 Netzanschlüsse neuer Windparks an Land mit einer Gesamtkapazität von 54,2 GW. Der 17-prozentige Zuwachs bei den Onshore-Windkraftnetzanschlüssen war der Erfolg mehrere führender wie sich neu entwickelnder Windenergiemärkte. So haben China und die USA mit 23,8 und 9,1 GW alleine rund 60 Prozent des Onshore-Zubaus gestemmt. Doch auch die nachfolgenden nationalen Märkte Indien, Schweden und Frankreich mit knapp 2,4 und knapp 1,6 sowie gut 1,3 GW stützen das starke Ausbaujahr durch ihre eigene gute bis stabile Entwicklung. Zusammen waren die wichtigsten fünf Märkte damit für 72 Prozent der neu ans Netz angeschlossenen Kapazität an Land verantwortlich.

Auf See wiederum drückten China, Großbritannien und Deutschland als die größten drei Märkte die Daten durch ein dreistelliges Megawatt-Wachstum die Statistik nach oben. Mit 2,4, 1,8 und 1,1 GW machten sie weit über 80 Prozent des Marktes unter sich aus. Doch auch Dänemark und Taiwan verzeichneten ein dreistelliges MW-Wachstum im niederen Bereich – mit 374 und deutlich über 100 MW, während Belgien das eigene Ausbau-Niveau in der Nordsee mit 370 MW im Vergleich zu 309 MW des Vorjahres stabil halten konnte.

Auch Europa als Kontinent legte zu und gewann sogar an Bedeutung: Ein Plus von 2,7 GW an Land und 1 GW auf See erhöhten den Anteil auf 25 Prozent. Im Vorjahr hatte Europa noch ein 23-Prozent-Kuchenstück von der statistischen Torte erhalten. Der Onshore-Anteil des Kontinents legte von 19,5 auf 21,7 Prozent zu.

Allerdings zeichnen sich für einige ehemals führende Märkte zunehmend chronische Schwächen ab. So blieben Deutschland mit noch gerade so 1,1 GW Zubau an Land ebenso wie Brasilien mit 745 MW und Kanada bei 597 MW als ehemalige und teils langjährige Gigawatt-Märkte weit unter ihren Markt-Möglichkeiten.

Für GWEC lagen die Zubaudaten des vergangenen Jahres insgesamt leicht unterhalb den eignenen Erwartungen. Allerdings erwartet die Brüsseler Organisation in den kommenden fünf Jahren einen jährlichen Zubau mitsamt Netzanschlüssen von mindestens 66,2 GW im Jahr 2023 bis 76,1 GW bereits im kommenden Jahr. Um das sogenannten Pariser Ziel der Weltgemeinschaft zu erreichen, den Klimawandel auf eine Erwärmung der mittleren Temperatur um maximal 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, müssten jährlich in den kommenden zehn Jahren 100 GW On- und Offshore-Kapazitäten neu ans Netz kommen, warnt GWEC. Ab 2030 müsse dieser Trend sogar auf 200 GW anwachsen.

Solar- und Energiebranche macht Druck: Der Solardeckel muss weg


Die Solarbranche macht Druck. Denn der Ausbau in Deutschland droht im Schatten der Coronakrise unbemerkt zu stranden. Denn bald ist es so weit: die installierte Leistung erreicht den Wert von 52 Gigawatt. Das ist die Grenze, die die Bundesregierung für die Förderung von Solaranlage eingezogen hat. Die von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) schon lange versprochene Streichung bleibt aus.

Damit dieses Thema nicht in Vergessenheit gerät, hat der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW Solar) zusammen mit dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben, den etwa 2.000 Unternehmen der Energiebranche unterschrieben haben. Sie fordern darin eindringlich, umgehend ein Gesetzgebungsverfahren zur Abschaffung des Solardeckels einzuleiten. Schließlich hat Angela Merkel im November des vergangenen Jahres im Bundestag verkündet: „Wir haben den Solardeckel jetzt aufgehoben.” Die Umsetzung lässt seither aber auf sich warten.

Alte Energiewirtschaft segelt im Schatten von Corona

Während die Vertreter der alten Energiewirtschaft versuchen, im Schatten der Coronapandemie die energiepolitischen Weichenstellung auf die lange Bank zu schieben, drängt für die Solarbranche das Problem auch während der Krise weiter. So twittert nach Angaben der Tageszeitung TAZ Thomas Bareiß, parlamentarischer Staatsektretär im Bundeswirtschaftsministerium, man habe derzeit noch andere drängendere Themen zu bewältigen, die unser ganzes Land betreffen. Solche fadenscheinigen Argumente kann die Energiebranche entkräften.

Solardeckel wird im Sommer erreicht

Abgesehen davon, dass auch der Klimawandel das ganze Land betrifft, unterstreichen sie, dass auch die Erneuerbare-Energien-Branche mit Blick auf die derzeitige Coronapandemie kurzfristig wirksame industriepolitische Impulse und nicht zuletzt eine belastbare Perspektive für die Zeit nach der Krise braucht. „Der durch den Solardeckel ausgelöste Förderstopp wird voraussichtlich bereits in diesem Sommer erreicht”, warnen die Unterzeichner des offenen Briefes. „Er würde die Nachfrage nach Solardächern weitgehend zum Erliegen bringen und die Umsetzung der Klimaziele ernsthaft gefährden.”

Solar- und Speicherwirtschaft ist systemrelevant

Es dürfe nicht zu einem fahrlässig herbeigeführten Ausbaustopp für Photovoltaik kommen. Die Aufhebung des 52-Gigawatt-Deckels sei vor diesem Hintergrund eine einfach umzusetzende Maßnahme. „Auch die Solar- und Speicherwirtschaft muss zunehmend zur Versorgungssicherheit beitragen und ist systemrelevant”, betont Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des BSW Solar. „Sie darf deshalb nicht länger durch den Solardeckel akut in ihrer Existenz und Arbeitsfähigkeit bedroht werden.” Denn ohne die notwendige Investitionsabsicherung des EEG würden Produktions-, Planungs- und Installationskapazitäten in der Solar- und Speicherbranche bereits kurzfristig abgebaut und für viele Jahre unwiederbringlich verloren gehen, warnt er.

Überkommene Regulierungen abschaffen

Auch Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des BDEW, kritisiert die Untätigkeit der Bundesregierung – nicht nur in der Vergangenheit. „Alle richtigen staatlichen Hilfsinstrumente laufen ins Leere, wenn betroffenen Unternehmen durch überkommene Regulierung das Geschäftsmodell wegfällt”, erklärt sie. „Erneuerbare Energien sind ein bedeutsamer Wirtschaftszweig. Die Arbeitnehmer in Industrie und Handwerk dürfen gerade jetzt kein Spielball energiepolitischer Auseinandersetzungen sein.”

Bleiben Sie über die weitere Entwicklung zur Abschaffung des Solardeckels auf dem Laufenden. Abonnieren Sie dazu unseren kostenlosen Newsletter! Hier können sie sich anmelden.

Bundesregierung muss behördliche Corona-Maßnahmen gesetzlich unterfüttern


Martin Maslaton

Die Bundesnetzagentur hat am 23.03.2020 erste Maßnahmen ergriffen, um Härten infolge pandemiebedingter Projektverzögerungen für bestehende und künftige Auktionsgewinner zu mindern. Die Behörde gab bekannt, dass die Entscheidung über neue Zuschläge zunächst nicht im Internet bekanntgegeben wird. Das ist schlau gemacht: Denn damit laufen Fristen wie Pönalen, Realisierungsfristen und Zahlungen der Zweitsicherheit nicht an. Erst nach einer Beruhigung der Lage soll dies nachgeholt werden.

Zudem will die Bundesnetzagentur für Windenergieanlagen an Land und Biomassenanlagen eine Verlängerung der Realisierungsfristen auf formlosen Antrag gewähren.

Während die Maßnahmen der Bundesnetzagentur grundsätzlich zu begrüßen sind, erscheinen die Rechtmäßigkeit und Rechtssicherheit zweifelhaft. Der Gesetzgeber sollte diese schnellen Maßnahmen nun auch mit gesetzlichen Regelungen unterlegen. Das würde im Projektgeschäft die Beziehungen zwischen Projektierern und Banken, Lieferanten und Auftragnehmern aus dem Baubereich nicht unnötig belasten.

Besondere Ausgleichsregelung im EEG

Stromkostenintensive Unternehmen, welche die Besondere Ausgleichsregelung im EEG in Anspruch nehmen, sind an die materielle Ausschlussfrist am 30. Juni gebunden. Wenn diese nicht eingehalten werden sollte, erfolgt im kommenden Jahr keine Begrenzung der EEG-Umlage. Auch hier sind das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle gefragt, eine zusätzliche Belastung der betroffenen Unternehmen zu vermeiden. Denn dass sich eine Wirtschaftskrise anbahnt, ist wohl inzwischen absehbar. Eine Rezession zeichnet sich schon jetzt bei der Preisentwicklung des europäischen Emissionshandels ab. Die niedrige Stromnachfrage spiegelt den Zustand unserer Industrie in Echtzeit wieder. Die Nachfrage sinkt weiterhin rapide und mit Blick auf unsere Nachbarländer ist davon auszugehen, dass uns noch größere Einbrüche bevorstehen.

Die Energiewirtschaft trifft die Corona-Krise deutlich. Osteuropäische Handwerker bleiben aufgrund der Grenzschließungen fern, Bauteile fehlen, Berufspendler wie Servicetechniker und Installationsteams werden ohne rechtliche Grundlage an der Grenze von Bundesländern zurückgewiesen. Netzbetreiber arbeiten im Home-Office, wodurch Anlagen nicht mehr abgenommen werden können, einige Netzbetreiber schließen keine Anlagen an und kommunale Verwaltungen stellen die öffentlichen Teile des Genehmigungsprozesses ein. Es herrscht Ausnahmezustand. Dennoch sind der Schutz der Energiewirtschaft und die damit zwangsläufig verbundene Netzsicherheit essenziell.

Corona ist „höhere Gewalt“

Können die Unternehmen sich nun wenigstens auf die Rechtssicherheit der Maßnahmen der Bundesnetzagentur verlassen? Behörden können sich unter bestimmten außergewöhnlichen Gründen nicht auf den Ablauf einer gesetzlichen Ausschlussfrist berufen. Betroffen hiervon sind insbesondere Fälle höherer Gewalt. Unter höherer Gewalt wird ein von außen kommendes, keinen betrieblichen Zusammenhang aufweisendes und durch äußerste Sorgfalt nicht abwendbares Ereignis verstanden.

Zumindest bei Vertragsstörungen in Verbindung mit dem Coronavirus wird derzeit davon ausgegangen, dass hier in vielen Fällen höhere Gewalt vorliegt. Zum einen aufgrund der hohen Anzahl von staatlichen Maßnahmen und zum anderen wurde auch im Zusammenhang mit der Sars-Epidemie höhere Gewalt bejaht. Innerhalb dieser Zeit sind die Vertragspflichten ausgesetzt. Auch im Fall der Fristüberschreitungen wäre ein solcher Ansatz denkbar und sinnvoll. Das Bundeswirtschaftsministerium sollte prüfen, was schnell und unbürokratisch umgesetzt werden kann.

Autor: Martin Maslaton ist Rechtsanwalt und Professor für das Recht der Erneuerbaren Energien. Er leitet die Maslaton Rechtsanwaltsgesellschaft mbH in Leipzig. Weitere Artikel von Martin Maslaton finden Sie unter anderem in seiner Rubrik "Auf ein Wort" in unserem Printmagazin und Online. Hier geht es zu den Artikel.

Technik für saubere Nachnutzung alter Kohlekraftwerke


Die aktuelle Diskussion um die Abschaltung von Kohlekraftwerken zur CO2-Vermeidung erfolgt auf vielen Ebenen: auf politischer, wirtschaftlicher, ökologischer oder auch emotionaler Ebene. Wenig diskutiert wird auf technischer oder gar physikalischer Ebene. Dabei wäre das die bessere Ebene um zum Beispiel über eine Konversion von Kohlekraftwerken in umweltfreundliche Kraftwerke ohne oder zumindest stark reduziertem CO2-Ausstoß zu diskutieren. Eine Möglichkeit, allen beteiligten Seiten gerecht(er) zu werden.

Aber wie soll eine Konversion von Kohlekraftwerken vor sich gehen?

Dazu muss man tiefer in die Technik und Physik von Kohlekraftwerken einsteigen. Bekanntlich haben Kohlekraftwerke einen sehr schlechten Wirkungsgrad von 30-40%. Das „Warum so wenig?“ wird kaum thematisiert.Verständlicher wird der schlechte Wirkungsgrad, wenn man sich mit dem Exergiefluss (nicht zu verwechseln mit Energie) auseinandersetzt. Den Begriff Exergie kann man stark vereinfacht als „tatsächlich genutzte Energie“ verstehen. Das Gegenstück ist die Anergie, die „nicht genutzte Energie“.

Foto: Viola Sonans

Aus dem Exergieflussbild erkennt man, dass nur 55% des ursprünglichen Energiegehaltes der Kohle in Dampf für die Turbine umgewandelt werden. 20% der Energie der Kohle gehen bei der Verbrennung verloren und 25% verschwinden mit den Rauchgasen. „Warum das so ist“ versteht man besser, schaut man sich den typischen Verlauf eines einfachen Dampferzeugungsprozess an.

Einfacher Dampfkraft-Prozess im T-S Diagramm

Foto: Kristian Roßberg

Die Wärmequelle für die drei Phasen sind die Rauchgase der Kohle. Die Rauchgase geben ihre Wärme an das Wasser ab, erwärmen dieses und kühlen sich dabei ab. Das funktioniert in Phase 1 sehr gut: - Heißer Rauch rein, kalter Rauch raus - Kaltes Wasser rein, warmes Wasser raus In Phase 2 und 3 hat man jedoch die Situation, das die Temperatur der Rauchgase deutlich höher sein muss als die Verdampfungstemperatur des Wassers (die typischerweise bei 550-650 °C liegt) bzw. die aktuelle Temperatur des Dampfes in Phase 3. D.h. heiße Rauchgase aus der Kohleverbrennung von weit über 1000°C kühlen sich bis auf 550-650 °C ab und verdampfen das Wasser bzw. überhitzen den Dampf.

Und was passiert danach mit den noch immer sehr heißen Rauchgasen ? Ein Teil wird für die Phase 1 verwendet, der „Rest“ für die Kohletrocknung, Verbrennungsluftvorwärmung, Rauchgasreinigung und andere Nebenprozesse, die keinen Beitrag mehr für die eigentliche Dampferzeugung (und damit Energieerzeugung) leisten. Dieser „Rest“ sind aber 25% und mehr des ursprünglichen Energieinhaltes der Kohle. D.h. will man den CO2-Ausstoß der Kohlekraftwerke senken (bzw. den Wirkungsgrad erhöhen) muss man an dieser Stelle ansetzen.

Worin besteht jetzt die Lösung?

Dazu muss man in die Geschichte der Wasserstoffwirtschaft zurück schauen. Ende der 80iger Jahre wurde in Deutschland ein sogenannter H2O2-Brenner entwickelt. Dieser Brenner war geplant als schneller Dampferzeuger für die Sofortreserve von Kohlekraftwerken. Der Brenner konnte in wenigen Sekunden gezündet werden und lieferte bis zu 3000°C heißen Wasserdampf. Zusätzlich musste flüssiges Wasser eingespritzt werden (das dann auch zu nutzbarem Dampf wird) um die hohe Temperatur von 3000°C auf die maximal zulässigen 550-650°C herunter zu kühlen. Diese Technik kam jedoch niemals zum praktischen Einsatz. Und später galt das pure Verbrennen von Wasserstoff als „out“, da man ja die Brennstoffzelle hatte.

Würde man heute an den Kohlekraftwerken die Dampferzeugung durch Kohleverbrennung einstellen, diesen Teil demontieren und durch eine Dampferzeugung mit leistungsstarken H2O2-Brenner ersetzen, die mit umweltfreundlich erzeugtem, grünen Wasserstoff betrieben werden, wird aus ehemaligen CO2-Schleudern ein CO2 neutrales Spitzenlast-Kraftwerk. Wenn zusätzlich die Erzeugung und Speicherung des notwendigen H2/O2 auf dem Gelände des Kraftwerkes (oder z.B. ehemaliger Kohlegruben) erfolgt, wird aus einem früheren Kohlekraftwerk ein CO2-freier Energiespeicher. Die Idee ist nicht neu und wird außerhalb Deutschlands intensiv erforscht wie die Quellen zeigen.

Und der Wirkungsgrad?

Beim H2O2-Brenner geht die chemische Energie des Wasserstoffes komplett, d.h. zu 100%, in nutzbaren Dampf über. Unglaublich, aber wahr. Davon gehen dann noch einmal ca. 12-15% in der Turbine und Generator verloren. D.h. die Kombination aus H2O2-Brenner und Dampfturbine hätte einen Gesamtwirkungsgrad von über 85%. Ein Wert, der einer Brennstoffzelle in nichts nachsteht.

Und die Müllverbrennung ?

Viele Kohle-Kraftwerke laufen mit sogenanntem „Co-Firering“ und verbrennen Müll und andere Abfälle. Wohin aber nach Abschaltung der Kohleverbrennung mit dem Müll? Auch hier ist der H2O2-Brenner nützlich. Die bisherige Kohleverbrennung verbleibt als reine Müllverbrennung mit Wasserstoffbrennern als Stützfeuerung. Die Technik zum Einbringen des Mülls und die Rauchgasreinigung sind bereits vorhanden. Die thermische Energie des Mülls wird genutzt zur Vorwärmung des flüssigen Wassers in Phase 1 und ggf. Erzeugung von Nassdampf, der dann durch den nachfolgenden H2O2-Brenner zu überhitztem Trockendampf wird. Damit wäre die Müllentsorgung gesichert und zumindest eine wesentliche CO2-Reduzierung erreicht.

Die Technik für ein CO2-freies Kraftwerk mit H2O2-Brenner

Alle technischen Kernkomponenten (Siemens Silyzer Elektrolyseure, Linde Verdichter und Wasserstofftanks, Alstom Steam Gen H2O2-Brenner) sind serienmäßig am Markt verfügbar bzw. für kleinere Leistung bereits entwickelt.

Fazit

Die volkswirtschaftlichen Vorteile dieser Lösung liegen klar auf der Hand:

- Große Teile der bereits existierenden Kraftwerkstechnik (Turbine, Kondensator, elektrische Infrastruktur wie Leitungen, Trafo‘s, Steuerungstechnik, ...) werden weiter genutzt.

- Arbeitsplätze bleiben erhalten, neue Arbeitsplätze werden geschaffen.

- Der CO2 Ausstoß sinkt.

- Der Anteil CO2-frei erzeugter Energie steigt.

- Es werden dringend benötigte leistungsfähige Energiespeicher geschaffen.

Auch die Fragen „besorgter Bürger“ woher denn der Strom kommen soll, wenn die Kohlekraftwerke abgeschaltet sind „... und Sonne und Wind keinen Strom liefern...“ kann man leicht beantworten: Die Kraftwerke sind noch da und liefern Strom wenn er benötigt wird.

Anstatt also an die Stromerzeuger Milliarden Euro Steuergelder für „entgangene Gewinne“ bis 2038 zu zahlen und anschließend noch funktionsfähige Kraftwerke zu demontieren, wäre dieses Geld sinnvoller in eine Konversion bisheriger Kohlekraftwerke zu sauberen Energiespeicher-Kraftwerken investiert. Es nützt allen! Neuere Kraftwerke wie Datteln 4 könnten nach einem Umbau zu Speicherkraftwerken Eckpfeiler einer wirklichen Energiewende werden und ihren Eigentümern noch bis weit über das Jahr 2038 hinaus Gewinne aus wirtschaftlicher Tätigkeit bringen. Es fehlt lediglich der politische Wille Veränderungen zu bewirken. Aber das ist bekanntlich nichts Neues in einem Land dessen letzte große Innovation eine Betrugssoftware für Pkw war.

Autor dieses Textes ist Kristian Roßberg aus Bremen, seit 1998 Abonnent von ERNEUERBARE ENERGIEN